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13.06.2020, 08:22 Uhr
Politik direkt - Kultur nach Corona
Bürgersprechstunde am 11.06.2020
 

Goslar. Bei Betrachtung der Kollateralschäden, die das Corona-Virus mit sich bringt, „fallen Kultur und Kunst in der Betrachtung hinten runter“, meint die Goslarer CDU – und lud daher am Donnerstag zu einem besonderen „Bürger-Gespräch“ an eine Kulturstätte ein, das Goslarer Theater. Ein Dutzend Vertreter aus der Kulturszene kamen so ins Gespräch. Nach der Analyse von Ist-Zuständen und Sorgen wurden gute Ideen geboren und der Wunsch nach einem neuen Miteinander geäußert.

Mit den Fingern schnipsen und die Millionen nach Goslar holen? „Das können wir nicht“, sagte eingangs Fraktionsvorsitzender Norbert Schecke. Was können Politiker dann? „Botschaften von der Basis nach oben reflektieren.“ Norbert Schecke und Pascal Bothe boten ihren Gästen vier aufmerksame Ohren. Marina Vetter von der Goslar-Marketing-Gesellschaft (GMG) stellte eine „Wiedereinstiegskampagne“ zum neuen Aufleben in Goslar in Aussicht. Die GMG ist im Veranstaltungssegment besonders stark von den Corona-Ausfällen betroffen. Bereits jetzt werde die GMG von Anfragen zum Weihnachtsmarkt überrannt, insbesondere von Busreise-Anbietern: „Wir gehen davon aus, dass er stattfindet, aber wir können nur vertrösten“, sagt Vetter.

Unsichere Zukunft

„Wir wissen grad’ gar nicht, wo die Reise hingeht“, sagte Nicole Ebeling-Höver von Powerbrass. Das Sudmerberger Ensemble darf seit drei Monaten nicht mehr üben. Nicht nur die Instrumente bleiben stumm, auch das soziale Leben des Vereins liegt brach. Für Veranstaltungstechniker sieht es im Moment laut Jorden Roblick ganz düster aus: „Null Einnahmen.“

Als Angestellter im öffentlichen Dienst hat er keine finanziellen Sorgen: Gerald de Vries bricht „nur“ weg, was seinen Beruf ausmacht: „Ein Kantor ist ein Mensch, der mit anderen Menschen singt, vom Kindergarten bis zu Senioren“, erläuterte der Propsteikantor. „Singen“ sei jetzt offensichtlich erst mal „gefährlich“.

"Keine kleine Lösung"

„Als Musiker bange ich eigentlich immer um meine Existenz“, vermeldete dagegen Axel Dietsch; bei vielen gehe es jetzt an die Substanz. Was wirklich fehle in der Stadt, sei „die gute Laune durch Feste und Partys“ – die will er helfen, zurückzubringen. Miner’s Rock, die als erste am 13.und 14. März den „Corona-Hammer erleben durften“, sei bislang mit „blauem Auge“ davon gekommen, meinte Arkadiusz Szczesniak – zwei Schichten wurden auf den Herbst verschoben. „ Wir planen nach jetzigem Sachstand im Oktober durchzustarten.“ Ob dagegen im August schon die Konzertarbeitswochen stattfinden können, konnte Dieter Freesemann noch nicht sagen. Die Reisewarnungen seien bislang nur für Europa aufgehoben worden; viele Teilnehmer kommen jedoch aus Japan, China, Südkorea. Die Goslarer Gasteltern geben sich dieses Jahr zurückhaltend und: Ob das Zugpferd, die Professoren-Piano-Legende Arie Vardi aus Israel ausreisen darf, ist ebenfalls noch vage. Sicher ist für die Kulturinitiative nur eins: „Eine kleine Lösung wird es nicht geben.“

Sich gegenseitig stärken

Eigentlich hätte er diesen Abend beim Kleinkunstfestival im Kulturkraftwerk verbracht – jetzt saß auch Walfried Lucksch in den Reihen der – mit Verlaub – „Gekniffenen“. Der Wunsch, wenigstens etwas Kleinkunst anzubieten, konnte in Zusammenarbeit mit den Kinobetreibern, Jill und Florian Wildmann, und deren Autokino-Partnern zumindest vergangenen Sonntag mit dem „Chaos-Theater Oropax“ umgesetzt werden. Was zu einem wesentlichen Fazit des Treffens führt: Der Feststellung, dass der Austausch gut war und der Frage, warum man nicht mehr und häufiger miteinander spreche – und kooperiere?

Jill Wildmann, gebeutelte Kino-Chefin („Das Kino leidet richtig“), die alle Felle fürs Goslarer Theater davonschwimmen sieht und nicht weiß, ob sie es je wieder öffnen wird, schlug Kulturtage für Goslar vor: Warum nicht vormittags eine Kinomatinee, nachmittags ein Museumsbesuch und abends ein Konzert im Kraftwerk? Vielleicht einschönes Einstiegsprojekt für die neue Kulturressortchefin, die von Oberbürgermeister Dr. Oliver Junk („Kultur ist systemrelevant“) für den 1. September avisiert wurde.

Anmerkung: wir danken allen Beteiligten für die Teilnahme und rege Diskussion. Unser besonderer Dank gilt Jill und Florian Wildmann für die Gastfreundschaft und Sabine Kempfer für die Berichterstattung.

Pascal Bothe, Norbert Schecke

Text: Sabine Kempfer, Goslarsche Zeitung, veröffentlicht 13.06.2020
Foto: Jill Wildmann